In Bruges
Gestern habe ich mir den Film im Original angeschaut, nachdem ich festgestellt habe, dass in unserem Arthouse-Kino camera zwo nach einer entsprechend ausgefallenen Umfrage immer zwei Filme im O-Ton (und mit nervigen deutschen Untertiteln) laufen. Ich habe jetzt zwar keinen Vergleich, glaube aber, dass der irische Akzent der beiden Hauptdarsteller (Colin Farrell und Brendan Gleeson), die beide aus Dublin und Umgebung kommen, in der deutschen Version nicht imitiert werden kann. Der Film ist daher auf jeden Fall im Original zu empfehlen, sofern man über Möglichkeit und Sprachkenntnisse verfügt.
Brügge sehen… und sterben?
Die beiden Auftragskiller Ray (Colin Farrell, S.W.A.T., Alexander) und Ken (Brendan Gleeson, Harry Potter 4) werden von ihrem Boss Harry (Ralph Fiennes, Harry Potter 4, Harry Potter 5) nach Brügge geschickt, nachdem Ray seinen erste Job total verkorkst hat. Brügge liegt in Belgien und ist eine idyllische Stadt, in der es von Touristen wimmelt, weil sie eine der am besten erhaltenen mittelalterlichen Städte Europas ist. Dort sollen die beiden Männer nun zwei Wochen lang bleiben und darauf warten, dass Harry sie endlich anruft und ihnen neue Instruktionen durchgibt.
Ken ist sofort von der Stadt begeistert und kann vom Sight Seeing nicht genug bekommen, während Ray die Geschichte als “einen Haufen von Sachen, die ja eh schon passiert sind” ansieht und sich allem verweigert wie ein bockiges Kind und sich stattdessen lieber betrinkt oder mit Touristen prügelt. Dann lernt er allerdings Chloë (Clémence Poésy, Harry Potter 4) kennen, als die beiden Killer am Abend an einem Filmset vorbeikommen, auf dem ein Film mit einem Zwerg (Jordan Prentice) gedreht wird.
Als Ray und Chloë sich zum Essen treffen, ruft Harry an und gibt Ken die erwartete Anweisung. Allerdings entspricht diese nicht den Erwartungen des Berufsmörders: er soll Ray ausschalten, der damit für den in den Sand gesetzten Job büßen soll. Um sicherzustellen, dass alles so läuft, wie er es wollte, begibt sich auch Harry nach Brügge…
…
Dieser Film hat mich fasziniert und in seinen Bann gezogen, unter anderem, weil er es schafft, eine Vielzahl von Genres in sich zu vereinen, wobei er jedem zu genüge dient, sich aber keinem verschreibt und trotzdem nicht überladen wirkt oder sich in diesem Unterfangen verhäddert. Insgasamt ist er eine Mischung aus (pech)schwarzer Komödie mit absurdem und englischem Humor und einem Drama. Zu diesen Genres gesellen sich dank Chloë noch eine Love-Story und als Harry in der Stadt ankommt ein packender Thriller.
Ich hatte den Filmtitel schonmal gelesen und dann weitergeblättert, weil er mich nicht angesprochen hatte. Als ich dann allerdings auf ein Filmplakat sah, dass Colin Farrell, Brendan Gleeson und Ralph Fiennes die Hauptrollen spielen, musste ich den Film einfach sehen. Und in der Tat wurde ich von den der schauspielerischen Elite Irlands und Englands angehörigen Akteuren nicht enttäuscht: im Gegenteil! Dieses Drehbuch erlaubt es allen Beteiligten ihr schauspielerisches Talent zu zeigen, wovon sie auch alle Gebrauch machen.
Colin Farrell spielt die Rolle des quängeligen jungen Killers, der sich wie ein bockiger Junge aufführt, der keine Lust auf den Sonntagsausflug mit seinen Eltern hat und sich deshalb vollkomen abkapselt. Die wunderschöne Stadt und all die Geschichten, die Ken ihm aus seinem Reiseführer dazu erzählen kann, lassen ihn völlig kalt. Erst macht genau das seinen Charakter unsympathisch. Dann erfährt der Zuschauer allerdings, wie groß der Kampf ist, der sich im Inneren dieses jungen Mannes abspielt und ihn sogar an Selbstmord denken lässt. Ray ist ein Großstädter und das mit Leib und Seele, der die Hölle damit definiert bis in alle Ewigkeit in “Fuckin’ Bruges” bleiben zu müssen, was Farrell in dessen Rolle sehr gut vermitteln kann.
Brendan Gleeson gibt den erfahreneren und weiseren der beiden “Touristen”, denn er ist schon lange im Gechäft. Auch wenn er es nicht schafft Ray für die märchenhafte mittelalterliche Belgische Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten zu begeistern, kann er damit beim Zuschauer punkten. Für Ken ist der Trip nach Brügge auch eine Reise in sein eigenes Inneres, weil er sich mit der Problematik auseinandersetzen muss, mit der Ray zu kämpfen hat. Er ist ein harter Killer, für diesen Job gemacht, und hat sich noch nie in seiner Karriere einen Fehler geleistet. Aber hat er damit Recht? Brendan Gleeson beweist hier, dass er nicht unverdient zu den besten der besten Schauspieler seines Landes gehört.
In die selbe Kategorie darf sich auch Ralph Fiennes einordnen, der hier absurd-komödiantische Talente offenbaren kann. Seine Rolle, Harry, ist ein Boss mit psychischem Knacks, der so sehr in seinen Job als Killer verbissen ist, dass er schon keinen Unterschied mehr zwischen seinen Mitarbeitern und seiner Familie macht und mindestens jedes dritte Wort, das ihm über die Lippen kommt “Fuck”, “Cunt” oder ein sonstiges Schimpfwort ist: auch vor seiner Frau und seinen Kindern. Am Anfang, oder besser in den ersten zwei Dritteln des Film, spielt Fiennes nur mit seiner Stimme, denn erst nach dem dritten Telefonat, wird er gezeigt. Selbst so kann er sich aber behaupten (ich übernehme keine Garantie für die deutsche Synchro) und als er dann schließlich ins Bild kommt, ist er sofort voll da, in seiner Rolle und mindestens 110% überzeugend.
Die Dialoge des Films dominieren den selbigen und sind oft pechschwarz und von englischem Humor geprägt: ich bezweifle also, dass jeder damit umgehen kann. Für alle, die dessen fähig sind, ist der Film ein Muss. Die Dialoge entstehen teils durch absurde Szenen (die dennoch immer real sind) und machen vor nichts Halt. Es gibt keine Tabus und nichts ist heilig. Ob es nun um Belgien-Witze über Kindesmisshandlung, das rassistische Philosophieren eines unter Kokaineinfluss stehenden Zwerges über Schwarz-gegen-Weiß-Kriege, um Drogen, Beruhigungsmittel für Pferde, Selbstmord oder die Hölle geht. Allerdings hat Drehbuchautor und Regisseur Martin McDonagh (der hier nach seinem Oscar-prämierten Kurzfilm “Six Shooter” sein Debut gibt) es geschafft, das alles zu entschärfen, indem alle diese Schläge unter die Gürtellinie damit enden, dass der Zuschauer nicht über die Witze und Diskriminierungen lacht, sondern über Ray. Der wird - wenn das Ganze von ihm ausgeht - von Ken oder Chloë zurückgeworfen und ins Fettnäpfchen gestoßen und verhäddert sich - wenn jemnd anders damit anfängt - so sehr in seinen Kommentren und Bemerkungen dazu, dass man gar nicht anders kann als ihn zu beschmunzeln.
Der Film wäre ohne diese Tendenz der Dialoge zu ernst, schwer und unverdaulich. In seiner letztendlichen Form glänzt er allerdings und lässt auf eine steile Karriere seines Schreibers hoffen, der hier einen sehr eindrucksvollen Einstieg in den Regiesessel und ins Drehbuchschreiben abliefert.
Die Stimmung des Films ist sehr speziell. Man könnte versuchen sie mit “düster” zu beschreiben, würde sie damit aber nicht einfangen und nicht treffen, denn dazu gesellen sich noch “märchenhaft”, weil die Atmosphäre der Stadt sie zu einem “fuckin’ fairy tale” macht. Obwohl sie insgesamt oft erdrückend ist, hat sie doch ihre heiteren Momente. Aufgrund dieser vielen Gegensätze und Eindrücke ist “unbeschreiblich” wohl das passendste Adjektiv, das geradezu dazu verpflichtet sich den Film anzusehen.
Um die Atmosphäre der Stadt selbst zu erleben, wird wohl jeder, der diesen Film sieht, im Anschluss daran mit dem Gedanken spielen nach “Fuckin’ Bruges” zu fahren.
Der Film hat einen absoluten Hammerscore, für den es sich durchaus lohnt, beim Abspann noch ein bisschen sitzen zu bleiben: auf DVD können die meisten das Ganze schließlich nicht nochmals mit Surround Sound erleben…
Um nochmal auf den Titel zurückzukommen, der mich einst zum Überblättern des Streifens animiert hatte: im Nachhinein muss ich sagen, dass der Titel in “Brügge sehen… und sterben?” eine perfekte Adaption in unsere Sprache darstellt. Um ihn zu verstehen, muss man den Film allerdings gesehen haben (und sollte man auch
).
Zu Beginn des Films habe ich mich total erschrocken, weil die Off-Screen-Stimme anfängt zu reden, als das Bild noch schwarz ist. Das Ende, dass ich jetzt nicht verrate, hält sich nicht an Konventionelles - genau wie der Rest des Films - und ist genau deshalb extrem passend gewählt und super geschriben. Außerdem passt es zum Anfang des Films und rundet ihn so ab. Insgesamt kann man hier also vorm Leinwanddebut McDonaghs ohne zu zögern den Hut ziehen.
9/10 Punkten und der Satz “Ich bin beeindruckt.”
Hier ist noch der Trailer, den ich erst heute gesehen habe, den ich aber sehr, sehr cool finde:
Andere Meinungen:
Kaltduscher (8/10)
Ø 8,5/10
Oha, schönes Review!
Den Film muss ich unbedingt auch sehen!