Die Welle (2008)

Die Welle
ein deutscher Film, den ich auf jeden Fall verpasst hätte, hätte Marie mich heute nicht zum Kinogang animiert und ich muss zugeben: ich hätte in der Tat etwas verpasst…

“Die Welle” ist die deutsche Version eines in den USA von Geschichtslehrer Ron Jones durchgeführten Experiments. Jones schrieb später über das Sozialexperiment, woraus 1981 ein Fernsehfilm und ein (Dreh)buch von Morton Rhue entstanden. Außerdem diente der Stoff schon Musical und Theater. In diesem deutschen Film von 2008, wird die Handlung ins heutige Deutschland übertragen.

In einem Gymnasium steht eine Projektwoche zum Thema “Staatsformen” auf dem Programm, die den Schülern die Werte der Demokratie vermitteln soll, indem sie in Projektgruppen wie “Anarchie” und “Autokratie” mit Staatsformen konfrontiert werden, die aus demokratischer Sicht die schlechteren sind. Der Sport- und Politiklehrer Rainer Wenger (Jürgen Vogel), den seine Schüler mit Vornamen ansprechen, will unbedingt den Anarchie-Kurs leiten, unterliegt aber einem fiesen Kollegen und muss deshalb die Autokratie-Veranstaltung durchführen. Viele Schüler tragen sich für diesen Kurs ein, scheinen in der ersten Stunde allerdings kein riesiges Interesse zu haben. Als schließlich doch eine interessante Diskussion unter den Schülern entfacht wird, wird die These aufgestellt, in Deutschland könne es keine Diktatur mehr geben.

Das bringt den Lehrer auf eine spontane Idee: warum nicht das Gegenteil beweisen? Nach und nach bringt er die Schüler dazu ihn mit “Herr Wenger” anzusprechen, aufzustehen wenn sie reden oder er den Raum betritt, eine Uniform zu tragen; eine Gemeinschaft zu bilden. Diese Gemeinschaft, die sich “Die Welle” nennt, entzieht sich aber schon nach wenigen Tagen der Kontrolle des Projektleiters, schwappt auch auf andere Jugendliche über und verändert alle Beiteiligten. Die Welle spaltet den Teil der Gesellschaft, in der deren Mitglieder sich befinden und artet in - als unvorstellbar angenommene - Dimensionen aus…

Die Welle kann auf voller Linie überzeugen. Jürgen Vogel kann hier sein Talent unter Beweis stellen und liefert eine beeindruckende Performance ab, denn die Schüler sind nicht die einzigen, die die Projektwoche verändert. Vogel gibt den coolen und sympathischen Lehrer, der sich am Anfang eher auf einer Ebene mit seinen Schülern befindet, als mit den Lehrern, die ihn als Freak in eine Schublade gesteckt haben. Er spielt die Entwicklung vom Anstoß der “Welle” bis zu ihrem überrollen sehr glaubwürdig, überzeugend und nachvollziehbar - damit sehr real.

Real wirkt der ganze Film an sich. Die Kameraführung ist teils verruckelt oder Schwenks sind so schnell, dass man absolut überhaupt nichts erkennt, was bedeutet, dass das Ganze sich wirklich eher aus der Perspektive zweier Augen, als aus der Perspektive eines Kameramannes abspielt. Auch was die Farbgebung angeht wird hier nicht geschönt und retuschiert, was dem Publikum das Gefühl gibt mitten drin statt nur dabei zu sein. Dem Zuschauer werden hier durch die - von Rainer Wenger geleitete - Wasserballmannschaft, zu der einige “Welle”-Mitglieder gehören auch Unterwasseraufnahmen geboten, die Gefühle von Ruhe bis Spannung vermitteln und dem Film so dienlich sind.

Die Emotionen und Bewegungen des Films stecken den Zuschauer so sehr schnell an und helfen ebenfalls dabei ihn ins Geschehen einzubeziehen. Die Gruppendynamik der “Welle” ist so auf die Filmrolle gebannt worden, dass sie sich auf die Gruppe vor der Leinwand ausbreitet, der Streifen wird so nochmals um einiges nachvollziehbarer und realer als er ohnehin schon ist.

Die Dialoge des Film wirken nie gespielt oder einstudiert, sondern immer echt und authentisch, was den Realismus dieses Films abrundet. Ein Punkt, der dem Drehbuchautoren (und Regisseur) Dennis Gansel hoch anzurechnen ist.

Die Soundtrack kann ebenfalls überzeugen und passt super zur Szenerie und den konkurrierenden Gruppen, die sich gegenseitig ihre Tags übersprühen oder sich auf offener Straße miteinander anlegen. Ebenfalls passend hierzu gewählt ist die Schrift aus Vor- und Abspann: eine Kleinigkeit, die dennoch eine Wirkung auf das Publikum hat und dazu beiträgt, dass der Film als ganzes einfach grandios ist.

Hervorzuheben sind neben Jürgen Vogel auch die Jungschauspielerinnen und Jungschauspieler, die ihre Rollen allesamt glaubhaft verkörpern und so eine Gemeinschaft aus vielen verschiedenen Persönlichkeiten bilden, die alle unzufrieden mit ihrer familiären Situation sind und in der Welle den Ausweg sehen, all das zu kompensieren und wettzumachen.

Frederick Lau erhielt völlig zurecht den Deutschen Filmpreis als bester Nebendarsteller für seine Rolle als Tim, einen psychotischen Außenseiter, der sich stärker in die Ideologie der “Welle” hineinsteigert als alle anderen Beteiligten und diese Gemeinschaft zu seinem Lebensmittelpunkt macht. Hierbei wächst er zwar über sich hinaus und überwindet einige seiner Schwächen, seine neu entdeckten Stärken schlagen allerdings über die Ufer und werden zur Zeitbombe: einer Gefahr für alle Beteiligten.

Obwohl bei der Vielzahl von Welle-Mitgliedern nur extrem wenig Zeit zur Verfügung steht, um die einzelnen Charaktere vorzustellen, gelingt dies den Machern sehr eindrucksvoll. Das Bild jedes relevanten Schülers wird nachvollziehbar, verständlich und mit Authentizität gezeichnet.

Insgesamt ist “Die Welle” ein zum Nachdenken anregender, authentischer Film, der mehr Wahrheit enthält als uns lieb sein sollte. Die Charaktere finden sich typischer Weise in jeder normalen Schulklasse wieder und auch wenn noch lange nicht alle Schüler so unzufrieden mit ihrem Familienstand, ihrem Stand in der Gemeinschaft oder einem Sinn ihres Lebens sind, ist eine - manchmal erschreckende - Macht von Gruppendynamik dennoch nicht von der Hand zu weisen.

Der Zuschauer wird - vor allem wenn er etwa im gleichen alter ist wie die Schüler im Film - dazu animiert, darüber nachzudenken, wo er sich in diesem ganzen Schema wohl eingeordnet hätte, was er mitgemacht hätte wogegen er sich gesträubt hätte und was er sich von so einer Bewegung versprochen hätte. Auch im Film angesprochene Themen, die innerhalb der Klasse kurz andiskutiert werden, laden dazu ein sich später innerhalb der Zuschauer selbst damit auseinanderzusetzen, wozu nicht nur die Diktatur/Autokratie im Allgemeinen zählt. Auch Themen wie (Schul)Uniformen, soziale Unterschiede und das neu aufgekommene Nationalgefühl der Deutschen zur WM 2006 (das jetzt - zwei Jahre später - zur EM ja schon wieder sehr aktuell ist) werden hier angeschnitten.

Der Film wurde optimal umgesetzt und so entsteht eine letztendlich bedrückende Stimmung, die das Publinkum während des Films an den (Kino)sessel fesselt und selbst dann nicht locker lässt wenn nach einem Standbild ausgeblendet wird und der passende Titelsong wieder einsetzt. Großes Kino made in Germany!
10/10 Punkten

Andere Meinungen:

bullion (7/10)
Kaltduscher (7,5/10)

Ø 8,2/10

7 Antworten zu “Die Welle (2008)”


  1. 1 bullion Juni 3, 2008 um 8:59 Uhr vormittags

    Siehste mal, den wollte ich auch noch im Kino sehen. Naja, aber die DVD kommt ja auch irgendwann… ;)

  2. 2 isinesunshine Juni 3, 2008 um 12:13 Uhr nachmittags

    Da hast du Recht. Hier läuft er noch bis übermorgen, wenn das bei euch auch der Fall ist (und du die Zeit findest), kannst du dir das ganze ja noch im Großformat angucken… :)

  3. 3 lalia Juni 3, 2008 um 2:35 Uhr nachmittags

    schöne Kritik, man sollte nur erwähnen, dass es dieses Experiment in den USA wirklich gab, und der Lehrer darüber eine Geschichte geschrieben hat. Momentan ist die Übersetzung auf Bestsellerlisten zu finden.

  4. 4 isinesunshine Juni 3, 2008 um 3:03 Uhr nachmittags

    Hab es hinzugefügt… :)

  5. 5 lalia Juni 3, 2008 um 7:08 Uhr nachmittags

    :D
    habe noch zu Schulzeiten das Buch gelesen, und dachte, der Film wird da niemals ran kommen, aber es scheint doch funktioniert zu haben. Sobald er im Fernsehen kommt, schau ich ihn mir auf jeden Fall an.

  6. 6 fincher Juni 4, 2008 um 3:04 Uhr nachmittags

    Den wollten wir mal mit der Schulklasse ansehen, aus unerfindlichen Gründen sind wir jedoch doch nicht dazu gekommen, obwohl ich den so gern gesehen hätte. Naja, seis drum, da muss er dann wohl leider Gottes warten… :(

  1. 1 camera zwo, SB « isinesunshine Trackback zu Juni 3, 2008 um 12:16 Uhr nachmittags

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