Hard Candy

Die 14-jährige Hayley (Ellen Page, Juno) chattet ein paar Wochen lang mit dem mehr als doppelt so alten Fotografen Jeff Kohlver (Patrick Wilson, Waltchmen), bis sie sich spontan zu einem Treffen entschließen. In einem Café unterhalten sich die beiden und als Jeff erzählt, er habe einen Konzertmitschnitt von Hayleys Lieblingsband zu Hause, schlägt sie vor, ihn in sein Haus zu begleiten. Das Mädchen verhält sich sehr aufreizend und in Jeffs Küche mischt die den beiden erstmal ein paar Skrew Drivers, weil ihr alles andere zu langweilig ist.
Sie schaut sich das kleine Fotostudio und die vielen Bilder ab den Wänden an: allesamt von minderjährigen Models. Hayley fängt an, den Fotografen auszuquetschen; will wissen, ob er schonmal verliebt war, einsam ist und mit wie vielen seiner Models er schon geschlafen hat. Offensichtlich hält sie Jeff für einen Pädophilen. Sie überredet ihn, Fotos von ihr zu machen, aber als sie anfängt, auf dem Sofa für ihn zu strippen, geht Jeff desorientiert zu Boden. Als er aufwacht, ist er gefesselt und seine Chat-Bekanntschaft beginnt mit ihrem Psycho-Spiel…
…
Es ist wirklich erstaunlich, dass eine 18-Jährige es schafft, ein vier Jahre jüngeres Mädchen so glaubhaft zu verkörpern. Aber auch sonst zeigt Ellen Page, dass sie über viel schauspielerisches Talent verfügt: sie wechselt von einer gespielten Gefühlslage in die nächste, verknüpft jämmerliches Weinen mit hysterischem Lachen in einem flüssigen Übergang und strahlt eine enorme psychische Überlegenheit aus.
Überhaupt spielt der Psychoterror hier eine bedeutende Rolle und kann vorangegangene Filme auf diesem Gebebiet souverän in den Schatten stellen. Das liegt daran, dass die bedrängende Stimmung auf den Zuschauer überschlägt, der keine Ahnung hat, was er von wem halten soll. Das ist wirklich ein ungewöhnlicher Zustand, wenn man bedenkt, dass in Hard Candy neben den beiden Hauptdarstellern gerade einmal drei weitere Schauspieler zu sehen sind (allerdings jeweils für höchstens ein paar Minuten). Die drei anderen Personen sind der Verkäufer im Café (Gilbert John), Jeffs Nachbarin (Sandra Oh, Grey’s Anatomy) und Jeffs Ex-Freundin Janelle (Odessa Rae).
Der Zuschauer ist zwischen den beiden Hauptpersonen hin- und hergerissen und weiß, wenn es darum geht Partei zu ergreifen, nicht, auf welche Seite er sich stellen soll. Mitleid, Schuld, Mitschuld, Pädophilie, Mörder, Täter, Opfer: zwischen all dem muss das Publikum abwägen, entscheiden was wahr und was gelogen ist. Insgesamt ergibt sich hierdurch ein eher undurchsichtiges Gespinst, dass jedoch nicht verwirrt, was auch an den wenigen wichtigen Personen liegt. Diese Undurchsichtigkeit wird auch durch die schauspielerische Leistung Patrick Wilsons erzielt, der es dem Publikum wirklich nicht leicht macht.
Einige unlogische Stellen hat der Film auf jeden Fall zu ieten, fragt man sich doch immer wieder nach dem “Wie?”, wenn die 14-jährige den ausgewachsenen Mann irgendwo draufgesetzt/-legt, festgebunden oder aufgerichtet hat. Allerdings fallen diese Umstände nicht all zu stark ins Gewicht, weil die Dichte des Films eher wenig Raum fürs Herumphilisophieren in diese Richtung bietet.
Nun zum Titel, er hat nämlich einen Sinn: Hard Candy bedeutet im Szene-Jargon so viel wie “ein sich sexuell aufreizend verhaltendes minderjähriges Mädchen”, bezieht sich also auf Hayleys verhalten. Zwar ist dieser Sinn für den durchschnittlichen Kinogänger nur schwer zu erahnen, gut gewählt ist der Titel aber dennoch. Nur der deutsche Untertitel “Du stirbst, Du stirbst nicht, Du stirbst, Du stirbst nicht…” ist ziemlich blöd.
Die Moral von der Geschicht ist selbstverständlich nur in Teilstücken moralisch Vertretbar, denn Selbstjustiz ist bekanntlich nichts positives und sollte deshalb nicht verherrlicht werden. Gegen das grundsätzliche Bestrafen von (aggressiven) Pädophilen hingegen ist nichts einzuwenden – allerdings sollte dieses vom Staat ausgehen. Auch über die angesprochene Frage nach Schuld und das Schieben eben dieser auf die Kinder/Mädchen, weil sie es angeblich selbst wollen, geil machen – Hard Candy sind – sollte man sich einmal stellen.
Der Film verdient sich mit seinem hervorstechenden Psychoterror
8/10 Punkten.
Den Psychoterror gibt es natürlich auch auf DVD.
Andere Meinungen:
From Beyond (8/10)
Ø 8/10









Wie immer sehr gut geschrieben. Nur der letzte Satz ist etwas wirr. Musste ihn 5 Mal lesen bis ich ihn verstand ^^
Da war ich wohl zu schnell am Ende – hab ihn nun um ein Subjekt und ein Prädikat erweitert…