Keinohrhasen (2007)

Keinohrhasen

Boulevard-Journalist Ludo Dekker (Til Schweiger) ist ein dreisder Idiot und Frauen-Flachleger. Er nimmt das Leben notorisch leicht und weist jegliche Verantwortung gegenüber seiner Umwelt von sich. Als der Versuch, mit seinem Fotografen Moritz (Matthias Schweighöfer) ein exklusives Foto zu schießen, auf dem Vladimir Klitschko Yvonne Catterfeld einen Heiratsantrag macht, miserabel verläuft und abenteuerlich misslingt, hat Ludo einen Prozess am Hals.

Die Entscheidung der Richterin trifft den Draufgänger wie der Blitz: er muss 300 Sozialstunden in einem Kindergarten ableisten, alternativ erwartet ihn eine Gefängnisstrafe. Zu allem Übel hat Betreuerin Anna (Nora Tschirner) nicht vergessen, dass Ludo sie im Kindesalter immer wieder bloßgestellt und gehänselt hat. Seine ältere Schwester Lilli (Barbara Rudnik), bei der Anna immer petzen war, ist inzwischen Mutter des Horror-Kinds Lollo (Paul Maximilian Schüller), das blöderweise auch in die Kindergartengruppe aufgenommen wird und nur Unfug im Kopf hat. Die Kindergärtnerin nimmt sich also vor, ihm seine Zeit im Hort zur Hölle zu machen.

Allerdings kommen die beiden sich dann doch irgendwie näher, verstehen sich gut und ganz andere Probleme bahnen sich an…

Til Schweiger kann sich in Keinohrhasen vor allen Dingen als Regisseur und Autor (neben Autorin Anika Decker) beweisen. Der Zuschauer wird hier durch ein Wechselbad der Gefühle gezogen, denn Keinohrhasen bietet seinem Publikum sehr viele verschiedene Emotionen: oft kann man nicht anders als schallend zu lachen, mal muss man nur schmuzeln, manchmal ist der Handlungsverlauf zum Heulen, zum Weinen, zum Mitleid empfinden oder zum ärgern… Die Dialoge des Films tragen hierzu ebenfalls ihren Teil bei.

Gerade für die witzigen Szenen sorgen of auch Nebendarsteller wie die eifersüchtige Kellnerin (Wenn man Keinohrhasen gesehen hat, wird man nie wieder ein (stilles) Wasser bestellen können, ohne an den Film zu denken…), das Personal der Wellness-Etage, die Kindergartenkinder oder das skurrile Ex-Ehepaar aus Richterin und Verteidiger. Hier zeigt sich, dass die Dialoge bis in die Tiefe der “unwichtigeren” Akteure ausgefeilt sind und diese eben nicht als unwichtig stehen lassen, da es gerade solche Szenen und Wortwechsel sind, an die man sich im Nachhinein gut erinnern kann.

Die FSK von Keinohrhasen wurde nachträglich von 6 auf 12 Jahren heraufgesetzt: zurecht, wie ich finde, denn im Film geht es an so mancher Stelle um Sex. Ob Ludo die Voraussetzung zur Weltherrschaft erfährt (nicht wühlen und nicht pieken! :D ), es in der Diskussion mit Anna um seine ganzen Betthäschen geht, Chayenne-Blues Mutter heftig flirtet, Moritz mit deren volltrunkener Freundin im Bett landet oder Kindergärtnerin Miriam (Alwara Höfels) von ihren Date-Flops erzählt – es geht immer nur um das Eine. Gerade in den Diskussionen mit Anna – aber auch an anderer Stelle – finden sich auch Themen wie Verantwortung, Glück, Liebe oder der Versuch zwischenmenschliche Beziehungen von vornherein zu regeln ein.

Der Grund dafür ist die Entwicklung, die Ludo durchmachen muss: vom sich pupertär verhaltenden Journalisten-Arschloch zum vernünftigeren und verantwortungsbewussteren Mann. Denn wie die Richterin feststellt, besitzt Ludo nur eine äußerst verkümmerte soziale Kompetenz vorzuweisen. Außerdem hat er keinen geregelten Lebens- und Tagesablauf, lebt jetzt und schert sich weder um das was war, noch um den Einfluss seiner Handlungen auf die Zukunft.

Til Schweiger kann als schmieriger “Das Blatt”-Journalist überzeugen, der Glanzpunkt des Films ist allerdings Nora Tschirner, die eine tolle schauspielerische Leistung abliefert und dem Publikum auf Anhieb sympathisch ist. Sie gehört zu den Frauen, die man einfach nicht hässlich schminken kann. Wenn man anderen Schauspielerinnen eine hässliche Brille aufsetzt und keine modischen Klamotten anzieht, sind sie bei weitem nicht so schön wie mit dem richtigen Make-Up und ohne letzteres erkennt man sie oft nicht wieder. Nora Tschirner hingegen sieht ungeschminkt gut aus (schonmal der erste Pluspunkt und die beste Voraussetzung) und auch mit Brille und Katzen-Strickjacke büßt sie ihre Attraktivität nicht ein.

Alle vier Kinder von Til Schweiger spielen in Keinohrhasen eine (kleine) Rolle: Valentin ist der junge Ludo, seine Schwester Luna die junge Anna. Seine zweitjüngste Tochter, Lilli, spielt das Mädchen mit der Mütze und die anspruchsvollste der vier Rollen hat seine jüngste Tochter, Emma, abbekommen: sie spielt Chayenne-Blue. Grundsätzlich halte ich wenig bis gar nichts davon, dass Schauspieler ihre Kinder so früh vor die Kamera stellen, aber immerhin ist es wohl einfacher, wenn der Papa auch mitspielt. Außerdem machen die vier ihre Sache wirklich gut.

Der erste, der den Keinohrhasen-Gucker zum Lachen bringt, ist Jürgen Vogel (als Jürgen Vogel :) ), den man – dank des Zahnlücken-Kontexts – schon erkennt, bevor er ins Bild kommt. Scheint er anfangs noch nur ein Warm-Up-Gag  gewesen zu sein, wird ihm gen Ende doch noch ein wichtigerer Teil zugesprochen. Anfangs war ich dem gegenüber etwas skeptisch: Anna und Jürgen Vogel…? Aber letztenendes bettete sich dieser Part so gut in den Rest der Story ein, dass es sich doch noch als passender Schachzug erwies.

Rick Kavanian, meiner Meinung nach der beste der Bullyparade, ist als schmieriger Chefredakteur und damit Abeitgeber von Ludo und Moritz auch mit von der Partie und glänzt in dieser kleinen Rolle. Mit bayrischem Akzent, Profitgier und einer Schwäche für “Barbara Schönebergers Balkon” strapaziert er die Lachmuskeln der Zuschauer. Auch Christian Tramitz hat einen kurzen Part übernommen, der passenderweise mit “Artzttyp” bezeichnet wurde. Dieser Arzt ist so knochentrocken – geradezu staubig, dass man bei seinem Auftritt weniger über seinen beigetragenen Teil lachen muss, als über den Nora Tschirners.

Neben Barbara Schöneberger, die sich Moritz’ blöde Kommentare anhören muss, findet sich auch noch eine ganze Reihe anderer deutscher Promis in Keinohrhasen ein. Allen voran Wladimir Klitschko und Yvonne Catterfeld, deren Verlobung Ludo erst in den Kindergarten-Schlamassel bringt, aber auch auf dem roten Teppich, neben dem Ludo und Moritz Material für Schlagzeilen sammeln müssen, sieht man so einige bekannte Gesichter vorbeischlendern. In Sachen Prominenz wurden hier also wirklich alle Register gezogen.

Keinohrhasen kann außerdem mit einem hervorragenden und sehr passendenen Soundtrack auftrumpfen. Die Filmmusik untermalt und unterstützt den visuellen Teil des Films so gut, dass sie sich damit selbst einen hohen Erinnerungswert garantiert. Timbaland feat. OneRepublics “Apologize” ist sowieso in allerOHRen ;) und ein wirklich passender Song. “A rainy Day in Vancouver” (Track 17) ist sogar in Form von Klaviernoten bei der 2-Disc-DVD mit dabei. :)

Mit “man sieht sich immer zweimal…” als Untertitel gehört der Film sogar zu denjenigen, deren Zusatz nicht schwachsinnig, sondern überaus passend ist.

Keinohrhasen ist also ein (unerwartet) umwerfend schönes Wechselbad der Gefühle, das den Zuschauer über all seine Höhen und Tiefen, durch alle Gefühlslagen hinweg mitreißt und berührt. Seit längerer Zeit endlich mal wieder ein hervorragender deutscher Film, der auf allen Ebenen überzeugen kann und in dem Til Schweiger sich vor allen Dingen als Regisseur und Autor beweisen kann: ein Must-Watch, das sich
9/10 Punkten

wirklich verdient hat.

Wer sich diesen gelungenen Film in seine Sammlung stellen möchte, kann diesen Wunsch hier verwirklichen.

Andere Meinungen:

bullion (9/10)
Dominik (10/10)
at the movies (8/10)
LastOne (8/10)
Kaltduscher (7/10) (harabgesetzt von 8/10)
The_Duke (0/10)

Ø 7,2/10

Mehr zu Keinohrhasen:
isinesunshine meets…
Plüschtier

1 Response to “Keinohrhasen (2007)”


  1. 1 bullion 11. Januar 2009 um 4:24 nachmittags

    Yep, hatte mir ja damals auch sehr gut gefallen! :)


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